Alles im grünen Bereich?

Parks mit alten Baumbeständen, Kleingartenanlagen mit einer unendlichen Pfl anzenvielfalt, Brachfl ächen, Privat-gärten oder von Baumriesen überwölbte Alleen – Bayerns Städte sind keine grauen, monotonen Betonwüsten, sondern durchzogen von saftig grünen Farbtupfern.Aber: Können wir uns das noch leisten? Brauchen wir in Zeiten, in denen die Immobilienpreise explodieren und immer mehr Menschen bezahlbaren Wohnraum in den Ballungsräumen suchen, das Grün in den Städten? An den Stadträndern gibt es schließlich genug Platz für Blumen und Bäume, Wälder und Wiesen. Die Frage ist also: Welchen Nutzen haben wir vom Grün in der Stadt?

Seit gut zwei Jahrzenten befassen sich Sozial- und Naturwissenschaftler mit dieser Frage. Unter dem sperrigen Begriffder Ökosystemleistungen haben sie eine Vielzahl erstaunlicher Faktoren zusammengetragen. Die urbanen Grünflächen sind eben mehr als Klimaanlagen und Feinstaubfi lter.Stadtgrün ist z.B. auch ein Standortfaktor, hat einen unmittelbaren Einfl uss auf die Gesundheit der Stadtbewohner und die Entwicklung von Kindern. In wissenschaftlichen Studien wurde aber etwa auch nachgewiesen, dass Stadtnatur die Kriminalitätsraten senken kann oder den sozialen Zusammenhalt fördert. In der Stadtplanung spielen diese meist nicht sichtbaren Effekte aber kaum eine Rolle.

Städtische Klimaanlage

Vielfach diskutiert wurde zumindest der positive Effekt von Stadtgrün auf das Mikroklima einer Stadt. Da viele Städte immer weiter verdichtet werden, wird die Luftzirkulation zunehmend eingeschränkt. Parks, Kleingartenanlagen und andere Grünflächen bilden Frischluftschneisen, über die kühlere Luftmassen aus dem Umland in die Innenstädte gelangen können. Bebaute Oberflächen reflektieren außerdem die Sonnenener-gie als langwellige Strahlung, sodass es zu einer immer größeren Aufheizung kommen kann. Die in den Gebäudeoberflächen und versiegelten Flächen gespeicherte Energie wird in den Abendstunden wieder abgegeben und verhindert eine rasche Abkühlung der bodennahen Luftschichten. In der Folge entste-hen Wärmeinseln, in denen die Temperaturen auch mal 10 °C wärmer als im Umland sein können.Besonders für ältere und chronisch kranke Menschen hat das während der zunehmenden Hitzeperioden fatale Auswirkun-gen: Ihnen drohen Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankun- gen sowie Austrocknung. Allein der Hitzesommer 2003 soll in Deutschland zu ca. 7000 Todesfällen speziell in den Städten geführt haben.In einer Grünanlage und deren Nahbereich sind die Tempera-turen dagegen deutlich niedriger als in der bebauten Umgebung, vor allem, weil die Pflanzen den Boden beschatten und gleichzeitig das Sonnenlicht absorbieren, aber auch, weil im Boden gebundenes Wasser verdunstet und die Luft kühlt.„Wenn ein Park in der Nähe ist, strahlt er in der Nacht Kühle aus. Das bewirkt, dass es auch in den umliegenden Häusern kühler bleibt. Das ist ein ganz entscheidender Punkt, wenn es darum geht, im Klimawandel die Lebensqualität in den Städten zu sichern“, so Prof. Dr. Bernd Hansjürgens, Chefökonom des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung und Studienleiter des Projektes TEEB DE (siehe Kasten).

Filter und Schwamm

Auch die Fähigkeit der Grünflächen, große Regenmengen aufzunehmen, ist bei den immer häufiger auftretenden Starkregenereignissen wichtig. Auf den unversiegelten Flächen kann das Wasser langsam in den Boden versickern und fl ießt nicht direkt in Gräben oder Abwasserkanäle, die für extreme Niederschläge nicht ausgelegt sind. Das ist auch für die Grundwasserreserven enorm wichtig.Ebenso bedeutsam ist die Tatsache, dass Bäume, Sträucher, aber auch „krautige“ Vegetation Feinstaub und Schadstoff aus der Luftfiltern. Gase und Staubpartikel lagern sich auf Blattoberflächen ab oder werden vom Laub aufgenommen. „Die Feinstaubbelastung in Deutschland ist immens. Man schätzt, dass jährlich 40.000 Menschen durch Feinstaub frühzeitig versterben. Quantitativ gibt es dazu bislang wenige Studien, aber der Eff ekt, dass Stadtgrün den Feinstaub bindet, ist unstrittig“, so Prof. Hansjürgens.

Grün macht gesund

Stadtnatur wirkt auch direkt auf die menschliche Gesundheit. In zahlreichen Studien haben Wissenschaftler die Effekte auf Körper und Geist nachgewiesen, so z.B., dass Patienten in einem Krankenhaus schneller genesen und weniger Schmerzmittel benötigen, wenn sie durch das Fenster auf Bäume und nicht auf eine Mauer sehen.Eine groß angelegte Studie aus den Niederlanden hat sämtliche psychischen und physischen Erkrankungen von 400.000 Menschen erfasst. Das Ergebnis: Es gibt einen Zusam-menhang zwischen Grünflächen in der unmit-telbaren Umgebung und der Gesundheit eines Einzelnen. Überraschenderweise beschränkt sich dieser Effekt nicht nur auf naheliegende körperliche Beschwerden wie Atemwegserkrankungen, sondern auch auf psychische Leiden.In einer grünen Umgebung können die Menschen besser Stress abbauen, und sogar Kreativität und Konzentrationsfähigkeit wer-den gesteigert. Auch ein Einfl uss auf die Le-benserwartung konnte bereits nachgewiesen werden – kein Wunder: Schon der Blick ins Grüne lässt den Blutdruck sinken.Die Gründe dafür sind vielfältig und nicht immer eindeutig. Auf jeden Fall animieren Grünfl ächen zur Bewegung. Ein Spaziergang durch eine Grünanlage stärkt dabei das Immunsystem besonders: In einem Experiment ließen Forscher Menschen in einer grünen Umgebung und in einer Turnhalle spazieren – nur bei der grünen Umgebung konnte ein positiver Effekt auf das Immunsystem nachgewiesen werden. Nicht zu unterschätzen ist, dass Grünfl ächen Lärm reduzieren. Die permanente Geräuschkulisse in den Städten kann das individuelle Wohlbefi nden massiv belasten. Die Wirkung reicht von Schlafstörungen, Stressreak-tionen, einem erhöhten Risiko von Herz- und Kreislauferkrankungen bis zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen. Dieser gesundheitliche Nutzen von Stadt-grün hat auch eine soziale Dimension: Familien mit niedrigem Einkommen wohnen öfter an extrem befahrenen Straßen und leiden häufi ger unter Verkehrslärm, Stickoxiden oder Feinstaub. Ebenso haben sie seltener einen wohnungsnahen Zugang zu Grünanlagen, eine Tatsache, die seit einiger Zeit unter dem Begriff „Umweltgerechtigkeit“ diskutiert wird.

Kinder brauchen Grün

Besonders für Kinder ist es wichtig, dass sie Grünfl ächen, Parks oder öff entlich zugängli-che Kleingartenanlagen in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung haben. Sie brauchen diese „Na-turerlebnisräume“ für ihre Entwicklung, um Kreativität, Verantwortungsbewusstsein und Eigenständigkeit auszubilden. Die Erfahrun-gen mit Pfl anzen und Tieren beeinfl ussen die Persönlichkeitsentwicklung und sind ebenso maßgeblich, um ein Umweltbewusstsein zu entwickeln, das angesichts des Verlustes an Biodiversität immer wichtiger wird – man schützt eben nur, was man kennt. Dabei ha-ben die Kinder und Jugendlichen heute immer weniger Naturkontakte. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2015 ist jedes zweite Kind etwa noch nie auf einen Baum geklettert.In einer anderen Studie konnte auch nachgewiesen werden, dass Kinder mit Grünfl ächen vor der Haustür weniger an Über-gewicht leiden, sogar bessere soziale Fähigkeiten ausbilden und weniger Probleme haben, mit anderen Kindern klarzukommen. Der schwindende Kontakt zur Natur kann so auch zu einer Zu-nahme psychischer Probleme führen – in den Ballungsräumen Chinas konnte dieser Eff ekt schon gezeigt werden.

Grün als Standortfaktor

Städtische Grünfl ächen fördern ebenso den sozialen Zusam-menhalt und die Identifi kation mit dem eigenen Wohnort. Sie bieten einen Raum für soziale Kontakte, der gerade für Kin-der und Senioren wichtig ist. Wissenschaftler der Universität Cardiff konnten nachweisen, dass sich Menschen stärker mit ihrer Nachbarschaft verbunden fühlen, wenn sie in Gegenden mit einem hohen Grünanteil wohnen. Die Forscher konnten in ihrer groß angelegten Studie auch zeigen, dass dort sogar die Kriminalitätsraten signifi kant niedriger waren.Auch die Wirtschaft profi tiert von Stadtgrün. Es beeinfl usst etwa die Immobilienpreise – nach einer Untersuchung der TU Dortmund bis zu einem Umkreis von 1500 m. Auch die ökonomische Bedeutung einer Stadt wächst mit der Stadtnatur. So haben beliebte Städte mit einer hohen Lebensqualität fast immer einen hohen Grünanteil. Wenn es darum geht, Unter-nehmen oder Arbeitskräfte in eine Stadt zu locken, spielt auch das eine Rolle.

Grün ist Lebensqualität

Dieser kurze Abriss einer Auswahl von Ökosystemleistungen zeigt: Der vielfältige Nutzen der Stadtnatur ist uns oft nicht be-wusst, er ist schwer messbar und lässt sich kaum beziff ern, und   genau das ist ein Problem: „Die Leistungen der Natur werden immer noch in ganz großen Teilen unterschätzt. Wenn die Stadtverordneten in den kommunalen Parlamenten über Flächenausweisungen entscheiden, sieht man, dass dort vor allem wirtschaftliche Argumente eine Rolle spielen, etwa die Gewerbesteuereinahmen oder zusätzliche Einnahmen aus der Einkommensteuer. Was aber überhaupt keine Rolle spielt, sind die Leistungen, die verloren gehen, die die Natur den Menschen bietet“, so Prof. Bernd Hansjürgens. „Die Leistungen der Stadtnatur haben aber auch einen wirt-schaftlichen Nutzen. Wenn man allein auf die Gesundheits- und Lebensqualität schaut, bedeutet das, dass Krankheitstage reduziert werden oder dass z.B. die Arbeitsfähigkeit eher er-halten bleibt.“Das Bewusstsein des Werts von Stadtgrün für die Lebensqua-lität der Menschen wächst zwar, noch gilt im Städtebau aber das Prinzip der Innenentwicklung vor Außenentwicklung, dass also die Aktivierung innerstädtischer Flächen dem Bauen an den Stadträndern vorzuziehen ist. Dafür gibt es gute Gründe: Mit der Zersiedelung werden z.B. die Anfahrtswege der Arbeitneh-mer in die Zentren länger, und es werden immer wieder neue Flächen versiegelt: Täglich werden in Deutschland rund 58 ha als Siedlungsfl ächen und Verkehrsfl ächen neu ausgewiesen. Bis 2030 will die Bundesregierung diesen Wert unter 30 ha bringen.„Ob man lieber an den Stadträndern bauen sollte, lässt sich für den Einzelfall nicht sagen. Wir haben in Ostdeutschland Städte, bei denen die Bevölkerung seit der Wende um 30 bis 50 % zurückgegangen ist, aber die Flächeninanspruchnahme stark zugenommen hat, d.h. an den Rändern wurden Flächen neu ausgewiesen und in den Innenbereichen liegen Flächen brach, das ist eine off ensichtliche Verletzung des Prinzips der Innenentwicklung vor Außenentwicklung. In manchen stark wachsenden Ballungsräumen, wie Berlin, Hamburg oder Mün-chen, werden die Innenflächen dagegen immer geringer. So, wie die Anziehungskräfte dieser Zentren aussehen, wird man dort auch in kluger Weise neue Flächen ausweisen müssen“, ist Prof. Hansjürgens überzeugt.Eine Lösung könnte sein, mehr auf die „doppelte Innen-entwicklung“ zu setzen, mit der die Stadtplaner versuchen, innerstädtische Flächenreserven auch mit Blick aufs urbane Grün zu entwickeln. Bleibt zu hoff en, dass es ihnen gelingen wird, eine Nachverdichtung mit Augenmaß unter der Berücksichtigung des vielfältigen Nutzens der Stadtnatur in die Praxis umzusetzen.

Text: Sören Keller Verlag W. Wächer